Das Ende der Dia-Abende

1 08 2014

 

457050.main
Ziemlich grässliche Jugenderinnerungen verbinden sich mit dem Wort „Dia-Abend“: wenn wir bei Famile oder auch Freunden eingeladen wurde, bei Mett-Igel und Käsespießchen mit Längerflaggen und Weintrauben die gerahmten Ergebnisse der Urlaubswochen im abgedunkelten Wohnzimmer zu betrachten. Der Projekter hakte oft, die Schärfe musste häufig nachjustiert werden und der dichter werdende Zigarettenrauch kräuselte sich im scharfen Kegel der Projektorlampe. „Es sind nicht mehr als 250 Bilder“ hieß es jedesmal hoffnungsvoll.
 
Und dann: Nochmal das Meer. Und der Blick vom Hotelbalkon, Und das Bergpanorama. Und das neue Auto (leider etwas unscharf) vor der Uerdinger Rheinbrücke. Und weil Urlauber immer noch ganz erfüllt sind von all dem Erlebten und weil alle diese Geschichten, die an jedem Schnappschuss hängen, noch ganz lebendig sind, müssen sie auch aller erzählt werden, bis auch der Allegeduldigste spät sein Gähnen hinter der vorgehaltenen Hand kaum noch unterdrücken kann.
 
Eigentlich könnte man also froh sein, dass diese strapaziösen Abende schon lange der Vergangenheit angehören. Aber eins ist doch mit ihnen verloren gegangen; und das ist höchst bedauerlich: das analoge Erzählen in geselliger Runde, der direkte Austausch untereinander. Denn heute werden ja keine Dias mehr gezeigt, keine Fotos herumgereicht und kommentiert.
 
Heute werden die digitalen Pixel-Erinnerungen in einen Ordner gepackt und ins Internet gestellt, die Freunde und Bekannten bekommen einen Link zugemailt oder die Ergebnisse wandern gleich online in eines der sozialen Netzwerke und warten dort auf Reaktionen. Jeder betrachtet diese Bilder also für sich, mehr oder minder erklärungslos und all die Anekdoten und Geschichten, die dazu gehören, bleiben unerzählt.
 
Und noch eins kommt dazu: Heute lassen sich mit jedem Smartphone Urlaubs-Erinnerungen festhalten, zu Hause wird es dann mit einem Kabel mit dem Fernseher verbunden und schon könnte der moderne Nachfolger des Dia-Abend eigentlich beginnen. Tut aber fast nie. Heute ist, und das ist eine wirkliche Veränderung, das Anschauen von Bildern nichts Besonderes mehr. Was früher einen Projektor, eine Leinwand und  Dunkelheit erforderte, ist heute mit einer Wisch-Geste auf dem Tablet oder Smartphone zu sehen und mit dem nächsten Wisch genau so einfach (und nachhaltig) wieder verschwunden. Mit all dem geht nicht nur eine erzähl-Tradition verloren. Auch der Urlaub selbst, das Reisen in blaue Fernen, wie es Thomas Mann nannte, hat in der digitalen Welt längst das Besondere eingebüßt. Es ist nichts erstaunliches mehr, wenn Menschen nach Italien reisen oder in Ägypten vor den Pyramiden stehen. Man zeigt das mal schnell im Büro oder abends in der Kneipe, wischt im Schnelldurchlauf durch die Bilderflut und ist schon beim nächsten Thema. Zeit für nachhaltige Eindrücke ist da nicht mehr. Und deshalb sehne ich mich klammheimlich manchmal nach den gräßlichen Dia-Abenden von anno dazumal zurück.
 
250 Bilder, nicht mehr hieß es seinerzeit immer. Die Aufnahme der Stadtoase auf Mallorca ist das 250. Bild, was in die Photokiste aufgenommen wurde. Aber im Gegensatz zum Diaabend bestimmt nicht das letzte.

 

Advertisements

Aktionen

Information

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s




%d Bloggern gefällt das: